Es gibt viele sprachliche und kulturelle Unterschiede, die das Übersetzen erschweren.
Heute möchte ich hier das allseits bekannte Wort "you" zur Sprache bringen. In der englischen Sprache haben wir kein Problem, denn das Wort "you" entspricht sowohl unserem deutschen Wort "Du" als auch dem höflichen "Sie". Nun ist es aber oft sehr schwer, als Übersetzer zu entscheiden, ob die Personen sich in der deutschen Sprache nun duzen oder siezen würden. Oft wird bei uns in der deutschen Sprache ja in der Anrede auch der Vorname benutzt aber trotzdem siezt man sich.
Ich habe dieses Problem schon häufig in amerikanischen Serien erkannt wenn ich mir die englische Version bereits angeschaut hatte und dann mit meinem Mann die deutsche Version sah. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie oft ich meinen Mann darauf aufmerksam gemacht habe, dass die Akteure sich meiner Einschätzung nach doch duzen müssten. Das kann natürlich auch mit daran liegen, dass wir Deutschen uns schon kulturell gesehen mit dem "Sie" sehr viel wohler fühlen.
Ich hatte nach meiner Zeit bei der US Army, wo man allgemein geduzt wurde und das zum guten Ton gehörte, richtige Probleme, mich wieder in einer deutschen Firma einzugewöhnen. Denn dort war das Duzen nicht allgemein üblich, und oft hatten Mitarbeiter das Gefühl, dass Duzen gleich Bevorteilung bedeutet und dass man erwartet, dass wenn jemand einen duzt, dieser doch immer freundschaftlich mit einem umgehen muss und einen nicht für eventuell begangene Fehler rügen dürfte. Außerdem wird in vielen Firmen das Duzen nicht gerne gesehen.
Hier seien stellvertretend für viele weitere Erlebnisse nur zwei genannt:
1. Beispiel: Als ich schon über ein Jahr in einer Firma gearbeitet hatte, dachte ich, nun könnte ich meiner Kollegin das "Du" anbieten. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich wahrscheinlich "aus der Wäsche" geschaut hab, als ich als Erwiderung ein lapidares 'Nein, will ich nicht.' bekam. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das Verhältnis hat sich danach verständlicherweise spürbar abgekühlt.
2. Beispiel: Ich hatte auch mal einen Chef, der hat alle anderen Mitarbeiter geduzt, nur mich als Neue im Team nicht. Er hat mir das Duzen erst erlaubt, als er mir eine Verlängerung des Zeitvertrags anbieten konnte, denn, wie er sich ausdrückte, 'Wenn ich jemand duze, dann fällt es mir so viel schwerer wenn ich ihm/ihr sagen muss, dass der Vertrag ausläuft und nicht verlängert wird oder, was ja noch schlimmer ist, wenn ich der Person kündigen muss.'
Für mich waren solche Erlebnisse immer so etwas wie ein kultureller Schock. Nach über zehn Jahren beim US Army Corps of Engineers hatte ich mich so sehr in die englische Art eingewöhnt, dass ich nicht mehr aus meiner Haut heraus konnte. Ich hatte diese neue Lebensart sozusagen voll und ganz 'umarmt', also akzeptiert und sie hat mir im Laufe der folgenden Jahre auch viele positive Erfahrungen gebracht. Man geht viel offener auf die Leute zu, hat weniger Berührungsängste. Ferner ist es mir auch wesentlich leichter gefallen, neue Herausforderungen anzunehmen und mich ihnen zu stellen. Wenn ich die Wahl hätte, ich würde mich jederzeit für das amerikanische System entscheiden.
Da ich ja auch unterrichte, ist das Erste, was ich meinen Schülern mit auf den Weg gebe, dass man im Ausland über seinen "deutschen Schatten" springen und sich anpassen muss. Auf gar keinen Fall darf man einem Geschäftspartner, der einem schon bei der ersten Begegnung das "Du" anbietet, vor den Kopf stoßen. Daher gewöhne ich meine Schüler daran, denn in meinen Kursen gilt das Duzen. Und bisher haben alle Schüler das auch problemlos angenommen.
Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass das "Du" in Amerika nicht gleichbedeutend ist mit unserem deutschen "Du". Wenn Euch in der englischsprachigen Welt das Duzen angeboten wird, dann heißt das nicht, dass der-/diejenige gleich Euer Busenfreund/Eure Busenfreundin werden will. Es erleichtert nur die Kommunikation. Insofern ist es mehr mit unserem deutschen System der Verwendung des Vornamens und des höflichen "Sie" zu vergleichen.

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